Gigantischer Häkelbaum im Zürcher HB

Die 20 Meter hohe, baumartige Skulptur des Künstlers Ernesto Neto löst bei Passanten im Hauptbahnhof Begeisterung aus.

Kunst zum Anfassen: Ernesto Neto im Interview und Reaktionen von Passanten. (Video: Kathrin Egolf)

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Für einmal waren Handys und Fotoapparate von Touristen und Einheimischen nicht auf das schöne Zürcher Bergpanorama gerichtet, sondern auf die neuste Installation in der Wanner-Halle des Zürcher Hauptbahnhofs. Dort wurde heute der zwanzig Meter hohe «Gaia Mother Tree» des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto von der Fondation Beyeler präsentiert. Ein monumentales Kunstprojekt aus bunten Baumwollbändern, handgeknüpft. Kurz vor der Präsentation des Werks fuhr noch das Putzwägeli um den Mutterbaum herum.

Blick ins Innere des Gaia Mother Tree: Besuchende müssen ihre Schuhe ausziehen. (Foto: Walter Bieri/Keystone)

Für die Realisierung des gigantischen Baumgebildes wurden 10'220 Laufmeter orange, grüne, braune und gelbe Baumwollbänder in einer Fingerhäkeltechnik geknüpft und zu einer baumartigen Skulptur zusammengeknotet. In wochenlanger Arbeit wurden die Bänder von zehn Mitarbeitern Netos und 17 vom Künstler instruierten Helfern gänzlich von Hand geknüpft. Die Produktionszeit betrug drei Monate und der Schiffstransport über den Atlantik dauerte weitere vier Wochen.

420 Kilogramm Gewürze

Die vom Baum herabhängenden Gegengewichte, die dem Werk seine Form geben und es stabilisieren, sind mit 420 Kilogramm gemahlenen Gewürzen gefüllt: Kurkuma, Gewürznelken, Kreuzkümmel und schwarzer Pfeffer duften vor sich hin. Das zentrale Gegengewicht im Innern des Baumes birgt 70 Kilogramm Saatgut, und an der Wurzel befindet sich ein begehbarer Raum, in dem die Besucher verweilen und sich auf kreisförmig angeordneten Kissen ausruhen können. Für die Installation in der 150 Jahre alten Wanner-Halle wurde kein einziges Loch gebohrt und kein Nagel eingeschlagen, versichert die Fondation Beyeler. Die Gegengewichte hängen über die Deckenbalken der Halle. Am Boden beschweren 840 Kilogramm Erde das Werk zur Verankerung.

«Das Spiel mit den physikalischen Gesetzen der Schwerkraft und das Streben nach Gleichgewicht sind seit Netos Frühwerk der 1980er-Jahre charakteristisch für sein künstlerisches Schaffen», sagte Michiko Kono, Kuratorin bei der Fondation Beyeler. Neto stelle mit Gaia Mother Tree eine Verbindung zur Schöpfungsgeschichte her. Zum einen deute er mit dem Titel auf die griechische Mythologie, Gaia, die personifizierte Erde, die dem Chaos entspringt, dem Anfang aller Dinge, so Kono bei der Vernissage. Neto platziere die «Mutter Erde» ins Herz seiner Skulptur.

In den Teppich, der sich im begehbaren Innern befindet, ist eine Weltkarte geknüpft, deren Zentrum der Atlantische Ozean bildet. Zum andere, so Kono, beziehe sich das Bild des Baumes auf die biblische Paradieserzählung und den Baum der Erkenntnis. Auch mit den schlangenartigen Sitzbänken, die im Innern aufgestellt sind, und dem Kopf einer Schlange, dem der Eingangstunnel nachempfunden ist, deute Neto auf Adam und Eva und den Sündenfall.

Vom Universum eingegeben

Wie kam Ernesto Neto auf den Zürcher Hauptbahnhof? Vor über vier Jahren habe er den HB besucht, sich überlegt, was er hier erschaffen könne. Kaum stand er in der Halle, erklärt der Künstler, habe er auf einer Serviette der Brasserie Federal seine Idee skizziert. Diese sei ihm vom Universum eingegeben worden, er habe nur noch zeichnen müssen. Seine Hosen hält übrigens kein Gürtel, sondern ein farbiges Stoffband.

Der begehbare Mutterbaum soll ein Ort der Begegnung, der Interaktion und der Meditation sein. «Der Gaia Mother Tree ist eine Hommage an Mutter Erde als ein Ort, der uns pflegt und unsere Beziehungen nährt», sagte der Künstler. Passanten sollen für einen Augenblick innehalten und einen Samen in ihrem Innern säen, ihre Freude teilen, Ideen und Träume kreieren, denken, meditieren und sogar tanzen. «Es ist ein Ort zum Sein, um unsere eigene Spiritualität zu fühlen, in Verbindung mit der Natur und unseren Mitmenschen.» Dazu sei der Bahnhof ein idealer Ort, wo Leute von irgendwo ankommen und wieder irgendwo hingehen.

Die tiefere Bedeutung seiner begehbaren Skulptur sieht Neto in der Freiheit, die sie vermittelt, aber es geht ihm auch darum, Verantwortung für unsere Entscheidungen «und Handlungen auf dem Planeten Erde zu übernehmen, sozial wie auch ökologisch. «Meine begehbaren Skulpturen sind nicht nur Treffpunkte, sie sind auch eine Erinnerung daran, dass es wichtig ist, vorsichtig vorzugehen und behutsam miteinander zu sein.»

Bitte Schuhe ausziehen

«Es ist wichtig, langsamer zu werden, zu atmen und in unser Inneres zu fühlen», sagte Neto. Menschen hätten in der Hast des Alltags selten die Möglichkeit dazu. Der Brasilianer will den Besuchern das ermöglichen. Sich auf sich selbst zu konzentrieren im Hier und Jetzt. Er möchte uns unsere Existenz bewusst werden lassen, «sodass wir mit den Händen, dem Hirn und dem Herzen fühlen, und dass sie von dort aus auch die anderen und die Poesie des Lebendigseins fühlen».

Um sich im Innern des Mutterbaums zu bewegen, muss man die Schuhe ausziehen, was für den Künstler einen rituellen wie auch praktischen Grund hat: «Wir halten an und fühlen, ob wir wirklich eintreten wollen, und wenn wir die Schuhe ausziehen, gibt es uns Behaglichkeit und verbindet uns stärker mit dem Boden, und diese Beziehung mit Mutter Erde macht uns unsere eigene Existenz stärker bewusst», so der Künstler.

Zusammenarbeit mit den Huni Kuin

Ernesto Neto gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstlern Brasiliens. Seine Werke befinden sich unter anderem in den Sammlungen des Museum of Modern Art und des Solomon R. Guggenheim Museum in New York, der Tate in London, des Centre Pompidou in Paris und des Hara-Museums in Tokio. Spiritualität, Humanismus und Ökologie sind massgebliche Aspekte seiner Arbeit.

Seit den 1990er-Jahren zeichnen sich seine Werke durch kunstuntypische Materialien und Techniken aus, durch biomorphe Formen und organische Materialien. «Häufig spielen Sinnlichkeit, Transparenz und Gemeinschaftlichkeit eine wichtige Rolle», so die Fondation Beyeler. Und sie würden oft auch an den Geruchsinn appellieren.

Seit 2013 arbeitet Ernesto Neto eng mit den Huni Kuin zusammen, einem indigenen Volk, das im brasilianischen Amazonasgebiet nahe der peruanischen Grenze lebt. Ihre Sprache, ihr Wissen und Handwerk, Ästhetik, Werte, Weltanschauung und ihre spirituelle Verbindung zur Natur haben Netos Auffassung von Kunst verändert und sind wesentliche Bestandteile davon geworden.

Gaia Mother Tree ist noch bis zum 29. Juli im Zürcher Hauptbahnhof zu sehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2018, 16:50 Uhr

Gaia Mother Tree

Facts & Figures

Der Gaia Mother Tree des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto ist das grösste und aufwendigste Kunstprojekt der Fondation Beyeler im öffentlichen Raum. Die Vorbereitungszeit dauerte über vier Jahre. Die Installation ist 20 Meter hoch und steht auf einer Fläche von 40 x 28 Metern in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofs. Es wurden 10'220 Laufmeter Baumwollstoff verarbeitet. In wochenlanger Arbeit wurden die Bänder von 27 Personen gänzlich von Hand in einer Fingerhäkeltechnik zusammengeknüpft. Kein einziger Nagel wurde verwendet. Herabhängende Gegengewichte sind mit insgesamt 420 Kilogramm Gewürzen gefüllt: 140 Kilogramm Kurkuma, 140 Kilogramm Gewürznelke, 70 Kilogramm Kreuzkümmel und 70 Kilogramm schwarzer Pfeffer. Das zentrale Gegengewicht im Innern des Mutterbaumes enthält 70 Kilogramm Saatgut. Am Boden beschweren 840 Kilogramm Erde das Werk und verankern es rundum auf dem Boden der Bahnhofshalle. Die Installation bleibt bis 29. Juli in der Wanner-Halle des Zürcher Hauptbahnhofs stehen. Während dieser Zeit finden verschiedene Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene im Innern des Mutterbaums statt, wie Musik, Meditationen, Workshops, Führungen und Vorträge. (roc)

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