Aufmarsch gegen die Ignoranz

Weltweit gehen am Samstag an mehr als 500 Orten Menschen auf die Strasse, um sich für die Wissenschaft starkzumachen. Auch in Genf ist ein sogenannter March for Science geplant.

So begann die Bewegung: Wissenschaftler demonstrieren am 19. Februar 2017 in Boston gegen Donald Trump. Foto: Steve Senne (Keystone)

So begann die Bewegung: Wissenschaftler demonstrieren am 19. Februar 2017 in Boston gegen Donald Trump. Foto: Steve Senne (Keystone)

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Was im Januar mit einem Satz in einem Onlineforum begann, ist zu einem globalen Phänomen herangewachsen: Morgen erheben Menschen auf der ganzen Welt – von Asien bis Südamerika – ihre Stimme für die Wissenschaft. Der March for Science, wie sich die Bewegung nennt, entstand als Antwort auf die Wissenschafts-Ignoranz der US-Regierung. Nach der Amtsübernahme von Donald Trump wurden Informationen zum Klima­wandel von den Internetseiten diverser US-Behörden gelöscht, der Zugang zu Klimadaten erschwert und Forschungsbudgets gekürzt.

Auch in Genf ist am Samstag, dem 22. April, eine Demonstration angekündigt. Sie startet um zehn Uhr am Jardin Anglais. 450 Personen hätten sich bisher angemeldet, sagt die 31-jährige Chemikerin Courtney Thomas von der ETH Lausanne, die den Marsch in Genf mitorganisiert. Sie rechnet aber mit weit mehr Teilnehmern. «Wir wollen friedlich demonstrieren und veranschau­lichen, was die Wissenschaft für die Politik und auch die Gesellschaft bedeutet», sagt Thomas. Die Initiatoren des March for Science setzen sich für die Wissenschaft ein, denn sie sehen in ihr unter anderem einen Grundpfeiler für Freiheit und Wohlstand. Die Demonstrationen sollen ein Aufruf an politische Führer und Entscheidungsträger sein, evidenzbasiert – also im Sinne erwiesener wissenschaftlicher Resultate – zu handeln.

Gemeinsam forschen

Einer der Hauptredner in Genf ist der im Jemen geborene Amerikaner Hilal Lashuel, Chemiker und Leiter des Labors für biochemische Neurodegenerationen an der ETH Lausanne. «Wir wollen der Bevölkerung erklären, warum Wissenschaft nur noch global möglich ist», sagt er. Kein einziges Land habe in unserer heutigen Welt das Expertenwissen und die erforderlichen Ressourcen, um Krankheiten wie Krebs, Demenz oder etwa Diabetes im Alleingang zu bekämpfen. «Es ist unerlässlich, dass Forscher und Studenten frei sind, zu reisen, sich zu treffen, ihre letzten Entdeckungen und Ideen zu teilen und am Transfer von Wissen und Technologien teilzuhaben.» Dann würden alle gewinnen.

Im Rahmen einer Studie haben Forscher der University of Delaware in Newark, USA, 1040 Mitglieder von March-for-Science-Facebook-Gruppen zu ihren Beweggründen befragt. 97 Prozent der befragten Personen besuchen demnach den March for Science, weil sie sich eine auf Wissenschaft basierte Politik wünschen. 93 Prozent von ihnen wünschen sich, dass die Öffentlichkeit die Wissenschaft unterstützt. Ebenfalls 93 Prozent wehren sich gegen politische Attacken auf die Wissenschaft. Und 90 Prozent protestieren gegen Einschnitte bei den Forschungsbudgets.

Mehr als 200 Wissenschafts-Organisationen auf der ganzen Welt stehen hinter dem March for Science. Auch hierzulande unterstützen beispielsweise die Akademien der Wissenschaften Schweiz die Demonstrationen. In einer Mitteilung betonen sie einerseits die Notwendigkeit, dass Wissenschaft transparent und für alle zugänglich sein müsse, und andererseits, dass Forschung dem All­gemeinwohl dienen und Entscheidungsträger dabei unterstützen solle, die bestmöglichen Entscheidungen für die Bevölkerung zu treffen.

Kritik und Lob

Ob Grossdemonstrationen jedoch der richtige Weg sind, um der Wissenschaft Gehör zu verschaffen, wird unter Wissenschaftlern kontrovers diskutiert. Der Soziologe und Umweltwissenschaftler Robert Brulle von der Drexel University in Philadelphia ist skeptisch. «Ich verstehe zwar den Wunsch, in Anbetracht der irrationalen und antiwissenschaft­lichen Aussagen und Handlungen der Trump-Administration etwas zu unternehmen», sagt Brulle. «Aber ich denke, es ist eine offene Frage, ob eine Demonstration die beste Handlungsoption ist.»

Seine Sorge ist, dass die Demonstration der Argumentation in die Hände spielt, Klimawissenschaftler seien nichts als Alarmisten und Partisanen. Das sei zwar Unsinn, würde die Feinde der Forschung aber nicht davon abhalten, Wissenschaftler in diese Ecke zu drängen.

In der Fachzeitschrift «Environ­mental Communication» haben Forscher kürzlich eine Studie präsentiert, wonach das Image von Wissenschaftlern in der Öffentlichkeit aber keinen Schaden nimmt, wenn sie sich zu politisch relevanten Themen wie Klimawandel und der Reduktion von CO2-Emissionen äussern. Die Schlussfolgerung: Klimawissenschaftler haben durchaus einen gewissen Spielraum, um Meinungen zu verfechten, ohne in der Bevölkerung ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Nicht untersucht wurde indes, wie das politische Engagement von Forschern bei Journalisten und Politikern ankommt.

Demonstration ohne Zürich

Klar für den March for Science spricht sich der Leiter der national tätigen Stiftung Science et Cité aus, der zur Demonstration nach Genf reist. «Wissenschaft ist eine globale Angelegenheit geworden, da Forschung in weltweiten Netzwerken stattfindet», sagt Philipp Burkard. Deshalb frage er sich, wo die Betroffenheit und die Initiative der Forschenden in der Deutschschweiz geblieben seien. «Es ist schade, dass diese am Samstag ein weisser Fleck auf dem Globus bleibt.»

Im Gegensatz zu den USA sei in der Schweiz der Stellenwert der Forschung nicht grundsätzlich in Gefahr, sagt Burkard weiter. Die öffentlichen Mittel für Forschung und Innovation seien hier in den letzten Jahrzehnten nochmals gestiegen, auch wenn die Diskussionen darüber inzwischen deutlich zugenommen hätten. Umso mehr müsse man sich solidarisieren, solange es einem gut gehe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2017, 23:32 Uhr

«Alternative Fakten sind auch bei uns populär»

Mit Jean-Jacques Aubert sprach Barbara Reye

Nehmen Sie am March for Science in Genf teil?
Ja, selbstverständlich gehe ich dort hin. Als Professor der Universität Neuenburg und Präsident der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW) fühle ich mich geradezu verpflichtet, ein Zeichen für die Freiheit der Forschung zu setzen.

Warum findet in Zürich, der grössten Wissenschaftsmetropole der Schweiz, keine Aktion statt?
Das ist für mich ein Rätsel. Vielleicht denken die Zürcher, dass ein March for Science zu wenig bringt. Vielleicht hat aber auch einfach keiner die Initiative ergriffen. Ich kann es nicht genau sagen. Wichtig ist, dass zumindest ein Ort in der Schweiz an dieser einzigartigen, weltweiten Bewegung dabei ist. Ich hoffe, dass möglichst viele auch aus der Deutschschweiz nach Genf kommen.

Der Solidaritätsmarsch ist auch ein Weckruf, dass in den USA wissenschaftliche Erkenntnisse geleugnet und sogenannte alternative Fakten kreiert werden. Ist dieses Phänomen neu?
Nein, überhaupt nicht. Seit mehr als zwei Jahrzehnten wissen wir, dass der Mensch einen negativen Einfluss auf die Entwicklung des Klimas hat. Dennoch gibt es Leute, die dies weiterhin ver­neinen. Nicht nur in den USA sind solche Lügen populär, sondern auch bei uns.

Gibt es ein weiteres Beispiel, wie auch hier Fakten verdreht werden?
In der Politik halten sich einige solcher Unwahrheiten hartnäckig. Zum Beispiel, dass junge Leute, die an der Universität Geistes- und Sozialwissenschaften studieren möchten, sich gleich arbeitslos melden können. Die Statistik zeigt jedoch das Gegenteil. Sie kommen auf dem Arbeitsmarkt oft besser unter als Naturwissenschaftler. Diese Zahlen werden aber seit Jahren von Politikern ignoriert. Natürlich kann sich der Trend wieder ändern. Doch im Moment ist es noch so.

Donald Trump plant grosse Budgetkürzungen. Er will etwa die staatlichen Stiftungen für Kultur und Kunst sowie für Geisteswissenschaften streichen.
Das würde die USA bei vielen Projekten zurück ins Steinzeitalter versetzen. In meinem Kanton Neuenburg ist die Kultur zum Glück nach wie vor heilig, und man hat dort nichts gekürzt. Allerdings leider in anderen Bereichen wie etwa Bildung, Gesundheit und Sozialem, die deutlich grössere Budgets und auch etwas mehr Spielraum haben. Viele Probleme aus den USA treten in der Schweiz erst ein paar Jahre später auf.

Wirkt sich Trumps Politik auch auf die Forschung der Schweiz aus?
Die USA sind für viele Forscher aus anderen Ländern jetzt nicht mehr so attraktiv wie früher. Doch die grossen Eliteuniversitäten wie Columbia oder Harvard sind nur wenig betroffen, weil sie privat sind. Es ist höchstens das Klima im Land, das sich extrem verschlechtert hat. Wem dies nicht egal ist, geht dann lieber woanders hin, nach Kanada, Deutschland, Frankreich, China oder in die Schweiz. Von daher könnten in Zukunft mehr Forscher aus den USA zu uns kommen und weniger von uns dorthin gehen.

Jean-Jacques Aubert
Der Historiker an der Uni Neuenburg, der 8 Jahre in den USA lebte, ist Präsident der Schweizerischen Akademie der
Geistes- und Sozialwissenschaften.

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