Ein Land zwischen Granaten und Granatäpfeln

Dona Abbouds Buch «Out of Syria – Inside Facebook» kommt dem Leben im kriegsversehrten Syrien sehr nahe.

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Spielende Kinder zwischen den Ruinen, bärtige Männer, auf Raketenwerfern sitzend, ekstatisch feiernde junge Menschen im Klub: Auch in Syrien gibt es noch einen Alltag. Dass der erst noch viel bunter ist, als wir glauben, zeigt ein neuer Fotoband mit einer Auswahl von aus Syrien stammenden Facebook-Postings: «Out of Syria – Inside Facebook» von der Syrerin Dona Abboud, herausgegeben von der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig.

Sie sammelte obsessiv Fotos

Dona Abboud, 34, ist Typografin und lebt seit 2008 in Deutschland. Als der Krieg in Syrien im März 2011 ausbrach, war sie gerade zu Besuch bei ihrer Familie dort. Als sie dann nach Deutschland zurückkam, konnte sie den Bildern, die sie im Fernsehen sah, kaum glauben. Sie entsprachen nicht dem, was sie gesehen hatte. Ihr Kontakt zu Familie, Freunden, ihrem Land, lief fortan über Facebook, dort suchte sie auch nach dem Material, um die Lücke in ihrer Wahrnehmung zu füllen. Was ist die Wahrheit?, fragte sich Abboud. Sie sammelte obsessiv Fotos, die ihre Bekannten und Freunde auf Facebook stellten, sie knüpfte auch neue Kontakte. Es war ihr wichtig, beide Seiten des Krieges kennen zu lernen. Auch mit einem Islamistischen Krieger trat sie in Kontakt, um zu ver­stehen, warum er tötet.

Auch in Syrien fotografiert man schönes Essen

Als sie sich entschloss, aus dem gesammelten Material ein Buch zusammenzustellen, wählte sie zehn Frauen und Männer als die Protagonisten der Collagen heraus. Die Bilder ergänzt die Autorin durch kurze Interviews, in welchen sie den durch ihre Facebook-Streams porträtierten Menschen die gleichen Fragen stellt. Es ist ja nicht so, dass alle Bil- der im Buch etwa harmlos wären. Es gibt Fotografien von blutenden Kindern, von Strassen voller ­Ruinen und Toyotas voller Be­waffneter. Aber diese anderen Bilder gibt es eben auch, Bilder, die vom Lebensdrang, vom Lebenshunger eines versehrten Volks erzählen: Bilder von schön geschmückten Tellern, von lachenden Hochzeitspaaren, von neugeborenen Babys oder Wasserpfeifenschläuchen, bunt wie ein Regenbogen, Granatäpfel, Joghurteis. Der Krieg in Syrien wird mit diesem Jahr erneut entsetzlicher, und man vergisst gerne darob, dass dort immer noch Menschen leben, denen es ein Anliegen ist, Essen zu fotografieren und die Bilder auf Facebook zu posten.

Disco-Besuche, Geburtstagstorten

Es dauert nur wenige Seiten, und das Buch entfaltet eine eigentümliche Sogwirkung. Gerade weil die Autorin Abboud nicht unterscheidet zwischen Regime- und Rebellen-Propaganda, Familienfesten und Historischem, Quatschbildern und nackter Not. Man sieht die Zerstörung der antiken Stätten durch den IS und Bashar al-Assad, der jauchzende Kinder umarmt oder – schlank und elegant – in Dandy-Pose vor einem Brunnen posiert. Es gibt Kinderbilder, eine Frau an einer Bushaltestelle, Disco-Besuche, Geburtstagstorten. Syrien ist seit Jahren geteilt, und jede Einflusszone bringt ihre eigenen Bilder hervor – diffamierend für den Gegner, glorreich für die eigene Sache. Aber wie jedes Land im Krieg kennt auch dieses zwischen Gefechten und Bomben und Terror einen Alltag, in einigen Regionen des Landes mehr, in anderen fast gar nicht. Und so ist dieser Strom aus Bildern und Momenten voller Un­tiefen und Wirbel, dass man bald begreift: Näher kann man Syrien, dem ganzen verdammten Syrien nicht kommen. Der Eindruck verstärkt sich noch dadurch, dass Dona Abboud für ihr Buch Menschen mit sehr unterschiedlichen Biografien als ihre Helden aus­gewählt hat. Einige, wie der in der als Rebellenhochburg bekannten syrischen Stadt Duma geborene Salem ­Sattof oder wie die Sozialarbeiterin Lina Danama, leben in Damaskus, andere inzwischen im Ausland, in der Türkei, im Libanon, in Deutschland. Von einigen weiss die Autorin kaum mehr als den Namen. Mohammed Darbel, geboren 1980, hat die schwarze Flagge des Islamischen Staates gepostet, Bärtige mit Raketenwerfern – und ein Katzenbild. Sein Account existiert nicht mehr, und er hat nie auf jenen Fragenkatalog Dona Abbouds geantwortet, den sie allen Kontaktpersonen vorgelegt hat: Was ist Facebook für dich? Was ist Krieg für dich? Kannst du schlafen?

Angesichts des Todes von Menschlichkeit erfüllt

So unterschiedlich die Antworten ausfallen, sie dokumentieren eine hoch reflektierte Auseinandersetzung mit der Wirkung des Krieges auf den einzelnen Menschen. ­Salem Sattof sagt etwa: «Natürlich habe ich mich verändert. Ich fühle mich von Menschlichkeit erfüllt, seit ich all die Szenen von Tod und Zerstörung gesehen habe.» Auch über die Wirkung von Bildern denken die Menschen nach: Ein Foto ist «eine Erinnerung, eine Halbwahrheit. Ein Moment wird eingefroren, der Zeit gestohlen», schreibt luzid über den Wert der Facebook-Postings der Licht­techniker Shadi Marine. Facebook, in der westlichen Welt als ein Instrument unkontrollierter Verbreitung von zweifelhaften Nachrichten durchaus in der Kritik, ist in Syrien eine willkommene Insel. Es ist dort Ausdrucksmittel, Archiv, Forum. Über Facebook versichern sich die Überlebenden ihrer Existenz.


Dona Abboud, «Out of Syria – Inside Facebook», 224 Seiten, Institut für Buchkunst, 20 Euro (SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.02.2017, 21:34 Uhr

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