Wir leben in Trumps Realityshow

Die kanadische Autorin Naomi Klein analysiert Donald Trump als «Prototyp des Katastrophenkapitalisten». Sie macht Vorschläge, was nun zu tun ist.

Naomi Klein geht es um die Ausbildung von Schockresistenzen. Foto: Kourosh Keshiri

Naomi Klein geht es um die Ausbildung von Schockresistenzen. Foto: Kourosh Keshiri

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Ein Buch über den US-Präsidenten – ein knappes halbes Jahr nach seiner Amtseinsetzung. Und dann noch mit hohem analytischem Anspruch. Kann das sein? Und muss das sein, wo wir doch in Echtzeit über die Irrläufe und widersinnigen Volten von Donald Trump informiert werden und fast jeder seiner Tweets unzählige Analysen nach sich zieht?

Offensichtlich kann und muss das sein. Zumindest für Naomi Klein, die gemäss dem deutschen Titel ihres jüngsten Werkes sich nicht nur dem Kampf «Gegen Trump» verschrieben hat, sondern zugleich die alles entscheidenden Fragen der Trump-Gegner beantworten will: «Wie es dazu kam und was wir jetzt tun müssen». Klein verspricht also die grosse Analyse. Und die beginnt am Nullpunkt: dem Schock, den die Wahl Trumps auslöste, mit der Klein, wie viele andere, nicht gerechnet hatte.

Aber anders als viele andere Geschockte, die sich seit einem halben Jahr in Selbstmitleid ergehen, ist die Besinnung auf diesen Schock bei Klein bereits Dreh- und Angelpunkt ihrer Analyse: Seit zwei Dekaden beschäftigt sich die heute 47-Jährige mit den gesellschaftlichen Auswirkungen grosser Schocks, etwa dem 11. September 2001 oder der Finanzkrise von 2009. Klein will zeigen, wie diese kollektiven Schocks und die damit einhergehende Desorientierung von Politikern und Unternehmen genutzt werden können, um Ziele durchzusetzen, die nicht die unsrigen sind.

Trumps «Tsunami»

Für diese Taktik der Überwältigung steht bei Klein der Begriff der «Schockstrategie». Die beherrsche Trump wie kein Zweiter: durch einen «Tsunami» an Dekreten, sprunghafte Themenwechsel, eine Schleifung sämtlicher Massnahmen gegen den Klimawandel und nicht zuletzt durch eine fiskalpolitische Deregulierung, womit Trump Amerika nicht gross, aber billiger mache. Und womit er in absehbarer Zukunft einen Staats- und Klimakollaps provoziere. Es sind diese Schocks, die schon heute verhindern, dass die Situation sich stabilisieren kann und Trumps Gegner eine strategische Planung entwickeln können.

Stattdessen schaffe Trump mit seinem selbst verursachten Chaos ein Gefühl der Dauerkrise und ein Vakuum in Sachen Hoffnung. Wobei dieses mit Angst und dem Schüren von Hass auf die «anderen» gefüllt wird, damit sich der kleine Mann an der «Illusion von Macht» berauschen kann. So die Ansicht Kleins, die sie in den interessantesten Teilen ihres Buches kraftvoll untermauert.

Klein, deren Karriere mit einem Buch gegen den Kapitalismus der Marken begann («No Logo»), sieht in Trump nicht nur einen ewigen Tsunami-Verursacher, sondern auch einen «Hollow Brand»: eine hohle Marke, die mit schmissigen Claims wie «Make America Great Again» nichts anderes verkauft als ihren eigenen Namen. Wobei dieses «Hohle» Trumps bisheriger und wohl auch seiner zukünftigen Geschäftsstrategie entspricht. Denn Trump hat den Grossteil seines Vermögens mit dem risikolosen Verkauf von Lizenzen seines Namens gemacht – und wird auch jetzt, da er die Leitung seiner Unternehmen seinen beiden erwachsenen Söhnen übertragen hat, weiter an Wert zulegen: Gemäss der «New York Times» haben Trumps Söhne in 36 Ländern Anträge auf Zulassung von 157 Marken gestellt.

Letztlich sei der Reichtum der «Einmann-Megamarke» Trump die einzige Qualifikation, die den «Hollow Brand» als Politiker attraktiv mache, schreibt Klein. Mit seinem Reichtum gaukle Trump Unbestechlichkeit vor. In der Realityshow «The Apprentice» habe er zudem behauptet, sein eigener Reichtum lasse sich durch Nachahmung auf andere übertragen. Zugleich setze sich Trump über jedwede Moral hinweg, was ihn allmächtig erscheinen lasse. «Die Show ist Trump, und die Vorstellungen sind überall ausverkauft», hat der heutige US-Präsident mal dem «Playboy» diktiert. Diese Show sei global geworden, schreibt Klein: «Wir sind alle zu Statisten in seiner kommerziellen Reality-Show geworden.» Ob wir wollen oder nicht. Geprägt sei diese Show von Elementen der Realityformate wie «The Apprentice», aber auch vom Wrestling, bei dem das Publikum mit Imponier­gesten, Fakes und allerlei Idiotischem angeheizt wird – und dessen Mechanismen und Effekte Donald Trump auf die Politik überträgt.

Werkzeuge des Widerstands

Obwohl Klein uns Trump als «Prototyp des Katastrophenkapitalisten» vorstellt, sei der Präsident keine Anomalie. Vielmehr sieht sie in ihm die «logische Konsequenz» aller üblen Trends der vergangenen fünfzig Jahre und zugleich ein Symptom einer «offenbar global um sich greifenden Infektion» autoritär-fremdenfeindlicher Rechtsaussenpolitik; Klein verweist dabei auf Indien, die Philippinen, die englische Ukip und Erdogan. Klein glaubt denn auch nicht, dass nach Trumps Präsidentschaft alles wieder beim Alten sein wird.

Was also tun? Klein gibt ihrer Leserschaft einige Werkzeuge des Widerstands in die Hand. So vertraut sie unter anderem auf die Strategie der Nadelstiche, mit der man Trump ärgern und zugleich schwächen könne. Etwa indem man ihn mit dem Hashtag #PräsidentBannon zur Marionette seines Chefstrategen erklärt. Oder indem man seinen Reichtum schmälert. Getreu ihrer eigenen Theorie, wonach «das Wechselspiel zwischen hochfliegenden Träumen und realen Siegen immer die entscheidende Voraussetzung für einen tiefgreifenden Wandel» sei. Gerade daran habe es in den letzten Jahren gemangelt.

«Nein» ist nicht genug

Im grossen Bogen geht es Klein aber um etwas anderes: um die Ausbildung von Schockresistenzen, wozu auch der Rückblick auf Trumps Karriere und die Zergliederung seines inzwischen doch sehr bekannten Kabinetts gehört. Aber Klein ist überzeugt, dass künftige Schocks uns weniger hart treffen und es leichterfalle, Taktiken des Widerstands zu entwickeln, wenn all das, was Trump ermöglichte und ihn heute umgibt, nochmals durchgearbeitet und so durchschaut und verstanden werden kann.

Die Ausbildung von Schockresistenzen ist bei Klein zudem Teil einer doppelten Strategie: Das widerständige Nein zu Trump wie auch zum System, für das er steht, fordere zugleich ein Ja zu einer anderen Zukunft. «No Is Not Enough» ist denn auch der Titel des englischen Originals: Es fordert neben dem Nein zu Trump ein kräftiges Ja zu jener Welt, die wir wollen – damit es zu «Explosionen utopischer Vorstellungskraft» kommen kann.

Paradoxerweise soll bei diesen utopischen Explosionen gerade die Klimakrise helfen – als «eine feste, nicht aufschiebbare, von der Wissenschaft vorgegebene Frist». Mit ihr als Druckmittel könne dem «gierigen Grapschen» ein Ende gesetzt werden, da sich diese Krise nur gemeinsam lösen lasse – und Begriffe wie «Sorge» und «Achtgeben» wieder an Relevanz gewännen. Sozusagen zwangsweise und gerade wenn es um einen Kampf gegen die schamlos-skandalöse Ausbeutung von Natur und Menschen geht, was nur durch eine Stärkung des Staates und des öffentlichen Sektors gewährleistet werden könne. Schreibt zumindest Naomi Klein, und das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Naomi Klein: Gegen Trump. Wie es dazu kam und was wir jetzt tun müssen. Aus dem Amerikanischen von Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher und Claus Varrelmann. S. Fischer, Frankfurt 2017. 365 S., ca. 30 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2017, 19:06 Uhr

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