Verboten! Bitte lesen.

In Kassel entsteht ein Tempel der indizierten Bücher. Warum sich darin kaum Schweizer Werke finden.

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Befehlen ist einfach. Chinas staatliche Aufsichts- und Zensurbehörde hat angekündigt, die Einfuhr und Publikation ausländischer Kinderbücher einzuschränken. Dies offiziell, um einheimische Autoren gegen die Konkurrenz von Pippi, Momo und Pu-Bär zu stärken, aber wohl auch, um die Verwestlichung der lesenden Jugend einzudämmen. Bücher stossen Fenster auf, nehmen auf Reisen mit.

Aus Protest gegen den Staatseingriff stellen Blogger nun immer wieder dasselbe deutsche Kinderbuch in chinesischer Übersetzung online, ein Märchen mit dem Titel «Als die Farben verschwanden». Darin untersagt ein Tyrann alle Farben in seinem Reich, scheitert aber an einem Regenbogen am Himmel. Verfasst hat die Geschichte die 1951 geborene Monika Feth. Die chinesische Zensur lässt das digitalisierte Buch entfernen, doch es taucht immer wieder auf. Das Internet ist kein Bibliotheksregal, aus dem ein Titel dauerhaft verbannt werden kann.

Das gilt auch in Indien. 2014 nahm die dortige Zweigstelle des Penguin-Verlags das Sachbuch «The Hindus» der US-Religionshistorikerin Wendy Doniger aus dem Verkauf und liess alle vorrätigen Ausgaben einstampfen. Dies, weil das 2009 erschienene und in Indien gut verkaufte Werk Strafklagen gegen den Verlag ausgelöst hatte. «The Hindus» verletzte religiöse Gefühle, wurde argumentiert, weil es sexualpsychologische Deutungen hinduistischer Gottheiten wage. Die 76-jährige Autorin akzeptierte den Entscheid ihres Verlags, gab sich in einer Erklärung aber unbeeindruckt: «Ich bin froh, dass ein Buch im Zeitalter des Internets nicht mehr unterdrückt werden kann.» Wer den Titel ihres Werkes googelt, wird auf Websites stossen, wo er das Buch gratis herunterladen kann. Auch in Indien.

Gefährlicher als Bomben

Eines ist sicher: Mit dem Verfassen und Verkaufen von Büchern kann man sich auch im 21. Jahrhundert noch furchtbare Feinde schaffen. «Manche Bücher sind gefährlicher als Bomben», sagte der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan 2011 während eines Ermittlungsverfahrens gegen zwei Buchautoren. Absurderweise befasste sich deren Werk mit der angeblichen Unterwanderung des Staates durch die Gülenisten, denen Erdogan damals selber noch nahe stand. Heute sind in der Türkei die Schriften der Gülen-Bewegung verboten.

In Hongkong sind seit 2015 mehrere Buchhändler und Verleger verschwunden, weil sie Literatur verkauften, die Kritik an der Führung Chinas übt. Angehörige befürchten, dass sie aufs chinesische Festland verschleppt wurden und dort in Haft sind. Der chinesische Literaturnobelpreisträger Liu Xiaobo sitzt bereits seit 2009 im Gefängnis.

Weil Autoren immer noch verfolgt und ihre Bücher verboten werden, hat die argentinische Künstlerin Marta Minujín ein Projekt ersonnen: Diesen Sommer wird sie der verbotenen Literatur dieser Welt ein Denkmal setzen. Für die Kasseler Kunstausstellung Documenta errichtet sie einen Tempel der verbotenen Bücher, dem griechischen Parthenon nachempfunden. 55'000 Stück braucht sie für die Konstruktion, die Bücher werden wetterfest in Plastik eingeschweisst und auf ein Stahlgerüst gehängt. Die Öffentlichkeit ist nun zum Spenden verbotener Literatur aufgerufen, auch Verlage beteiligen sich; 40'000 Titel sind beisammen.

70'000 verbotene Bücher

Was aber soll die Öffentlichkeit einschicken? Hier kann die Literaturprofessorin Nikola Rossbach von der Universität Kassel helfen. Gemeinsam mit Studenten und Kollegen hat sie eine Liste der verbotenen Bücher erarbeitet, die mittlerweile 70'000 Titel umfasst – alles Bücher, die irgendwo auf der Welt irgendwann verboten waren. «Es ist natürlich unmöglich, eine solche Liste vollständig hinzubekommen», sagt Rossbach. Deshalb gehe ihr Team exemplarisch vor, konzentriere sich auf bestimmte Regionen und Zeiträume, die dann eine Ahnung vom Ganzen vermitteln sollen.

Bei der Durchsicht wird deutlich: Die Liste der verbotenen Bücher ist eine Liste der Weltliteratur. Viele werden daheim im Regal ein verbotenes Buch finden. Boris Pasternaks «Doktor Schiwago», 1958 mit dem Literaturnobelpreis geehrt, durfte in der Sowjetunion erst 30 Jahre später erscheinen – wegen zu viel Lust am Individuum. Salman Rushdies «Satanische Verse» von 1988 bleiben in vielen muslimischen Ländern und in Rushdies Heimat Indien verboten. Die Märchen der Brüder Grimm waren den Alliierten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht geheuer, weshalb sie auf den Verbotslisten zur Entnazifizierung landeten. Der Roman «American Psycho» (1991) des Amerikaners Bret Easton Ellis darf in Teilen Australiens bis heute nicht oder nur in Schutzfolie an über 18-Jährige verkauft werden, wegen exzessiver Gewalt. Der Autor findet das «total süss». Jedes Verbot schafft einen Mythos.

Das war auch so bei Adolf Hitlers «Mein Kampf». Nach 1945 war das Buch in Deutschland zwar nicht eigentlich verboten, jeder durfte es besitzen. Zu kaufen aber war es nicht oder nur antiquarisch; der Freistaat Bayern, Inhaber der Rechte, untersagte Neuauflagen. Erst 2016 erlosch das Copyright, und das Münchner Institut für Zeitgeschichte veröffentlichte eine kommentierte Ausgabe. Trotz bewusst blass gestaltetem Cover und 3600 Fussnoten landete «Mein Kampf» auf den Bestsellerlisten. Viele wollten haben, was so lange nicht verfügbar war.

Böse Texte unerwünscht

«Mein Kampf» wird fehlen im Kasseler Tempel – so wie andere Nazischriften. «Die Künstlerin will nur gute verbotene Bücher», sagt die Germanistin Nikola Rossbach. Keine Hetze, keinen Rassismus. Marta Minujín hat schon einmal einen Bücherpalast gebaut, 1983 in Buenos Aires, unmittelbar nach dem Ende der Militärdiktatur. Dass es heute eher die Faschisten sind, deren Texte im Westen verboten und unter dem Tisch gehandelt werden, das sei der Künstlerin erst im Austausch mit den deutschen Projektpartnern klar geworden, sagt Rossbach. Sie habe dann entschieden: «Nazitexte haben keinen Platz. Die Installation soll einen positiven Geist atmen.» Selbst im Tempel der verbotenen Bücher bleibt manches untersagt.

Wenn Demokratien Bücher verbieten, so meist aus Sorge um die öffentliche Sicherheit. Betroffen sind Anleitungen zu Bombenbau, Aufforderungen zu Gewalt und Terror. Manchmal geht es dem Staat auch um Jugendschutz, um drastische Pornografie und Gewalt: Die deutsche Bundesstelle für Jugendgefährdende Schriften hat derzeit 421 Printmedien auf dem Index. Die Liste gibt es nur auf Anfrage, sie liegt dem TA vor. Neben Nazi-Pamphleten enthält sie auch Nudisten-Bildbände und Vampirromane.

Die Schweiz kennt keine solche Liste. «Hier ist eigentlich alles erlaubt», sagt Dani Landolf, der Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbands. Nur wenn jemand wegen Ehrverletzung oder Ideenraub klagt, kann ein Buch aus dem Handel gezogen werden. Das geschah mit einem Erzählband, gegen den die Autorin Zoë Jenny und ihr Vater vorgingen, weil die Fiktion zu sehr mit realen Figuren zu spielen schien. Und mit einem Fotobuch über die Freikirche ICF, das den Gläubigen nicht gefiel. Auch Klagen aufgrund des Antirassismusgesetzes sind möglich; die Werke des Schweizer Holocaust-Leugners Jürgen Graf sind nicht erhältlich.

Anne Frank: "unsittlich" und zu "bedrückend"

Es sind im Westen heute also eher Bürger als Obrigkeiten, die sich um Bücherverbote bemühen. In den USA garantiert der erste Verfassungszusatz Meinungsfreiheit; der Staat verbietet keine Bücher. Trotzdem werden an einzelnen Schulen und Universitäten jedes Jahr Titel aus dem Lehrplan und aus den Bibliotheken entfernt, meist auf Bestreben besorgter Eltern. Der Verbund der amerikanischen Bibliothekare führt eine Liste der regelmässig «beanstandeten Bücher». Darin findet sich Erstaunliches. «Harry Potter»? Unchristlich, okkult, familienfeindlich – verboten in Dutzenden von Schulen. «Huckleberry Finn» und «Onkel Toms Hütte»? Enthalten rassistische Schimpfwörter wie «nigger», bereits gibt es bereinigte Schulversionen; der Nachwuchs will behütet werden, auch vor den Zumutungen der Geschichte. Das Tagebuch der Anne Frank? Wird in den USA immer wieder entfernt, weil es eine Stelle enthält, an der die Minderjährige ihren Körper beschreibt – verwirrend, unsittlich. Zudem ist das Buch schon als «zu bedrückend» beanstandet worden («depressing tragic outcome»).

Bücher regen noch immer auf, auch im Zeitalter von Onlineporno und Killergames. Vielleicht ist das tröstlich. Was verboten wird, bleibt interessant. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2017, 18:30 Uhr

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