Twitter blockiert Suter

Schriftsteller Martin Suter hat auf Twitter Gedichte verfasst. Dann wurde sein Account gesperrt. Warum?

Schriftsteller Martin Suter.

Schriftsteller Martin Suter.

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Was Martin Suter schreibt, ist erfolgreich. Egal, ob Romane, Drehbücher, Theaterstücke, Kolumnen, Songtexte oder Werbeslogans. Nur Gedichte hat der Schweizer Autor noch keine verfasst – bis er vor ein paar Tagen solche auf Twitter ankündigte:

Ich habe einen kühnen Plan,
Bin früh schon auf den Beimen:
Ich fang jetzt auch zu twittern an
Von Tweets nur, die sich reimen.

Doch nach knapp 20 Strophen war Schluss. Twitter sperrte Suters neu eröffneten Account. Der Kurznachrichtendienst hatte den Schriftsteller weder gewarnt noch nachträglich informiert, wieso man ihn blockiert. Prominente Follower von Suter mokierten sich auf Twitter umgehend. Viktor Giacobbo schrieb:

Wieso Twitter seinen Account deaktivierte, kann sich Suter nicht erklären. Eine Einsprache blieb ohne Reaktion. «Es ist ärgerlich», sagte der Autor nach der Sperre gegenüber dieser Zeitung, «das Reimen hat mir grossen Spass gemacht.» Gerade der beschränkte Platz bei Twitter – maximal 280 Zeichen – sei eine reizvolle Herausforderung gewesen. Als Protest verfasste er eine weitere Strophe, die sein Freund, der Schauspieler Moritz Bleibtreu, auf Twitter veröffentlichte:

Ich hab nicht schlecht gestaunt:
Mir sperrt man den Account!
Ich schreib doch keine Zoten!
Ist reimen denn verboten?

Gemäss den Twitter-Regeln kommt eine Sperrung infrage, wenn ein User geistiges Eigentum verletzt oder Hetze betreibt. Auch drastische Gewalt oder nicht jugendfreie Inhalte werden geahndet. Werbespots und intime Details über Privatpersonen sind ebenfalls verboten. Suters Reime erfüllen keinen dieser Tatbestände, im Gegenteil. Sie drehen sich vor allem um das Reimen und Alltagsbeobachtungen. Der Schriftsteller orakelt: «War der Reim ‹Man rät mir, ich soll chillen / Gibt es dafür nicht Pillen?› problematisch? Ist der Titel meines Romans ‹Allmen und die Erotik› zu anstössig?»

Der Fall ist bizarr. Vielleicht lags ja an einem Vers, in dem Sozialdetektive vorkommen? Oder stimmte für Twitter der Qualitätsstandard der Gedichte nicht? Nein, so weit ist es noch nicht gekommen. Heute erfuhr Suter des Rätsels Lösung: Sein Verlag, der ihn als Social-Media-Muffel kennt, hatte Twitter offenbar über einen «falschen Martin Suter» informiert und die Sperrung veranlasst. Weder Verlag noch Twitter hielten es für nötig, bei Suter nachzufragen, ob er der echte Suter sei. Das wirft auf beide kein gutes Licht – aber bietet dem aufstrebenden Lyriker neuen Stoff. «Unorganisiert» reimt sich jedenfalls prima mit «blockiert».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2018, 14:07 Uhr

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