Gegen Dosen und Krebsdiagnosen

«Halt auf Verlangen»: Der Schweizer Autor Urs Faes legt eine autobiografische Erzählung über seine Krebserkrankung vor.

Urs Faes erzählt von Strahlenbehandlungen und Selbstbefragungen. Foto: Ekko von Schwichow (Fotofinder)

Urs Faes erzählt von Strahlenbehandlungen und Selbstbefragungen. Foto: Ekko von Schwichow (Fotofinder)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das liegt vor ihm: vierzig Sitzungen, nein, vielmehr «Liegungen», in einem Spital am anderen Ende der Stadt. Zur Behandlung des Prostatakrebses wird dem Patienten die Höchstdosis verabreicht, «79 Gray». Das Behandlungsfeld ist in die Haut tätowiert worden, «ein quadratisches Feld zwischen Bauch und Oberschenkel». Dieses «Treatment Field» erinnert den namenlosen Protagonisten an ein «Killing Field».

Enthaltsamkeit wird während der Schlachten zwischen abgeschossenen Elektronen und Tumor empfohlen. Der Chefarzt beziffert die Überlebenschance auf «70 zu 30», zusammen mit dem Wirkstoff «Goserelin» erhöht sie sich auf 85 Prozent. Er warnt allerdings auch vor persönlichkeitsverändernden Nebenwirkungen. Einerseits drohe im schlimmsten Fall die «Totalkastration», andererseits wird vor sexuellen Fantasien gewarnt, der steigende Testosteronspiegel beflügle die bösartigen Zellen.

Und so fährt der Mann, von dem in der dritten, Distanz schaffenden Person erzählt wird, mit dem Elfer-Tram jeweils von seiner Wohnung quer durch die Stadt zu dem Hügel mit den Spezialkliniken, 17 Stationen sind es insgesamt, 27 Minuten Fahrt. Kurz vor der Endstation steigt er aus, danach kommen nur noch zwei Friedhöfe mit Blick auf den See. Er steigt hinab in den «Hades», wird zum Objekt einer hoch spezialisierten Medizin.

Wenn der Körper fremd wird

Der Schriftsteller Urs Faes, vor einigen Wochen 70 Jahre alt geworden, begann vor rund vier Jahren mit Notizen während einer Krebstherapie. Die lebensbedrohende Erkrankung warf ihn aus der Bahn, er fühlte, wie er sich selbst abhanden kam. Sein Körper wurde ihm fremd, ihm war zuweilen, «als bestünde er nur noch aus Fetzen, die locker aneinanderhingen». Im Buch ist es ein Lektor namens Silaski, selbstbewusst und unsentimental, der ihn zum Schreiben ermuntert, aber auch warnt: «Erinnerung überhöht.» Alles steht vor dem Hintergrund der tödlichen Bedrohung zur Disposition, eine Lebensbilanz drängt sich auf. Schreiben wird zur Selbstvergewisserung, Worte werden zu Krückstöcken.

Bereits als Kind fand er Halt im Schreiben angesichts einer bedrückenden familiären Situation. Er schreibt in ein altes Schulheft – eines, wie es die Mutter früher im Krämerladen benutzte, um die Schulden der Kunden darin einzutragen. Schuldet ihm, dem Schwerkranken, das Leben noch etwas? Und: Welche Schuld trägt er – gerade gegenüber geliebten Menschen – möglicherweise mit sich?

Bei aller Schwere des Stoffs komponiert Urs Faes mit «Halt auf Verlangen» eine präzise, leichtfüssige Erzählung.

Als «Fahrtenschreiber durch die Stadt» versteht er sich, der seine lähmende Angst, die aufbrechende Verzweiflung ebenso registriert wie seine Mitreisenden. In der Erinnerung fährt er zurück ins Aargauer Tal seiner Kindheit. Erzählerisch dicht evoziert er die kleinbürgerlich-calvinistische Enge des Elternhauses, in dem es nach Jod und sauren Gurken roch, und die stumme Pflichterfüllung des als Tramführer arbeitenden, nach einem Unfall sich in die Krankheit zurückziehenden Vaters. Und ebenso anschaulich schildert Faes seine erste Liebe – die einige Jahre ältere Mile, mit der er im Dorfkino Odeon einst im Dunkeln Händchen hielt. Überhaupt die Frauen seines Lebens: Sie tauchen vor dem inneren Auge auf als «Grazien und Schicksalsgöttinnen»; er sieht sie plötzlich alle im Korridor des Spitals später im Park auf «hohen Sockeln».

Über diese Frauen, von Mile über die Studentenliebe Meret aus Pariser Zeiten bis zu Simone, mit der er eine die Erzählung beginnende Liebesnacht verbringt, hat Urs Faes in früheren Romanen bereits geschrieben. Meret etwa traf er in «Paarbildung» (2010) wieder, als er in der Radioonkologie arbeitete: sie in der Rolle der Patientin, er als Gesprächstherapeut.

Erschütterung und Reflexion

Themen und Figuren aus dem Werk von Urs Faes werden hier aber nicht einfach rezykliert, sie finden in verdichteter Form Eingang in eine streng komponierte, aber bei aller Schwere des Stoffs leicht und assoziativ daherkommende Erzählung, die fragmentarische Autobiografie ist und Krankheitsbericht, berührendes Dokument einer existenziellen Erschütterung und eine – vielleicht mitunter etwas redundante – Reflexion über die sinnstiftende Funktion des Schreibens und Erzählens.

Ins Wehleidige oder gar Rührselige kippt diese mit Leerstellen und Auslassungen arbeitende Erzählung nie, so wie sie auch nicht auf das Genre «Krebsbuch» reduziert werden kann. Mitunter wirds sogar komisch, etwa wenn der Beobachter im Tram inmitten der «Tabletisten» plötzlich Anzeichen einer Leseseuche zu erkennen glaubt – von den langen Schlangen vor einer Buchhandlung bis zum Paradeplatz-Banker, der sich kaum mehr von seiner Buchlektüre trennen mag. Einmal sinniert der Protagonist über die rettende Kraft des Lesens, «als könne das Lesen das Schwere leicht, ein Buch den Lesenden auch dann glücklich machen, wenn es vom Unglück spricht». So ähnlich geht es einem mit Urs Faes’ Buch: Es weckt die Lebensgeister, auch wenn es über Verlust, Todesnähe und Abschied spricht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2017, 19:21 Uhr

Urs Faes: Halt auf Verlangen. Ein Fahrtenbuch. Suhrkamp, Berlin 2017. 200 S., ca. 28 Fr.

Artikel zum Thema

Autonom bleiben bis zum Ende

Seit seiner Tumordiagnose schrieb der deutsche Autor Wolfgang Herrndorf einen viel gelesenen Blog. Wenige Monate nach seinem Tod liegt «Arbeit und Struktur» als Buch vor. Mehr...

«Jeder Dritte erkrankt einmal an Krebs»

Interview Der Onkologe Mathias Schmid kennt die Gründe dafür, weshalb Krebs als Thema so präsent scheint. «Ein grosses Rätsel» ist jedoch, wieso die Schweiz in Europa die höchste Hautkrebsrate aufweist. Mehr...

Globetrotterin mit 92 Jahren

Porträt Trotz hohen Alters will Charlotte Peter das Reisen nicht lassen. In China etwa war sie schon über 100 Mal. Die Zürcher Buchautorin hat eine eigene Fangemeinde. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Affentheater: Ein Kapuzineraffe begutachtet das neue Primatengehege im Zoo Servion (VD). (13. Dezember 2017)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...