Es reicht höchstens noch für einen Spätfilm am Fernseher

Annette Mingels’ Roman «Was alles war» schaut scharf auf ein Mittelschichtspaar.

«Was alles war» bedarf einer Meisterin der Einfühlung und des Stils: Annette Mingels trifft in ihrem fünften Roman mitten ins Leben. Foto: Hendrik Lueders (PD)

«Was alles war» bedarf einer Meisterin der Einfühlung und des Stils: Annette Mingels trifft in ihrem fünften Roman mitten ins Leben. Foto: Hendrik Lueders (PD)

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Zwischen Müttern und kinderlosen Frauen herrscht Krieg, ein Legitimationskrieg – so könnte man meinen, wenn man die Gesellschaftsteile der Zeitungen liest. Tatsächlich hat wohl jeder genug damit zu tun, das eigene Lebensmodell, gewählt oder hineingestolpert, einigermassen anständig hinzukriegen. Vor allem den Müttern bleibt meist zu wenig Kraft (und Interesse) für Rechtfertigungsakte und Attacken auf die «Konkurrenz».

Susa, die Heldin in Annette Mingels’ neuem Roman, ist Mutter geworden, weil sie einen jungen Witwer mit zwei kleinen Mädchen kennen gelernt, ihn geheiratet und mit ihm ein weiteres Kind bekommen hat. Sie lebt also in einer Patchworkfamilie, nicht als posaunenhaft verkündetes progressives Projekt, sondern weil es sich so ergeben hat. Schnell werden die fremden Kinder zu eigenen, kollidiert die neue Verantwortung mit den Anforderungen, die zwei Berufe an die Eltern stellen. Henryk ist Germanist, spezialisiert auf Minnedichtung und kurz davor, einen Ruf auf einen Lehrstuhl in einer anderen Stadt zu bekommen. Susa arbeitet als Meeresbiologin, was nun mal nicht an jeder Binnenland-Universität möglich ist.

Im Mittelpunkt steht eine Frau, die den verschiedenen Ansprüchen an ihre Rolle gerecht zu werden versucht.

Ausserdem: Henryks Mutter, die nach der Scheidung allein und unglücklich ist; Susas Vater stirbt qualvoll an Speiseröhrenkrebs. Um ihm beizustehen, muss sie 900 Kilometer quer durch Deutschland fahren. Im Mittelpunkt von «Was alles war» steht also eine Frau, die den verschiedenen Ansprüchen an ihre Rolle gerecht zu werden versucht und spürt, wie der Wasserspiegel der Überforderung steigt und steigt, bis zur Atemnot. Es kommt zu kleinen Katastrophen, zu einer grossen, Verlust und Tod, zur äussersten Belastung des Paares. Er sagt ihr zwar, dass er sie liebe, sie ihm auch: «Sie wissen beide, dass das stimmt, nur nicht, ob es noch so viel bedeutet.» Schliesslich will Susa nur noch eins: «eine Pause von ihrem Leben».

Es ist übervoll, dieses Leben, und zugleich fehlt etwas, aber was? Manchmal führen Umwege zum Ziel. Hier ist es die Begegnung mit den leiblichen Eltern. Denn Susa war als Baby adoptiert worden (wie die Autorin Annette Mingels auch, sie hat seinerzeit etwa im «Magazin» darüber berichtet). Die Tatsache der Adoption wird im Roman wie in der Wirklichkeit nicht als traumatische Erfahrung geschildert, im Gegenteil: Susa, liebevoll aufgezogen von ihren «sozialen Eltern», lobt ihre leibliche Mutter, als sie sie schliesslich kennen lernt, für ihre damalige Entscheidung, sie wegzugeben. Tatsächlich entpuppt sich diese Viola als selbstbezogene Späthippie-Frau, die ihren Egoismus, ihre Weigerung, Verantwortung zu übernehmen (für immerhin vier Kinder, die sie in die Welt gesetzt hat!), als «Lebens-Kunst» und Zeichen der «Spiritualität» verbrämt.

Die Begegnung mit Viola und, in den USA, mit einem Mann, der ihr Vater sein könnte, laufen parallel zum Alltag zwischen Vorlesung, Kindergeburtstag und dem kläglichen Rest an Zweisamkeit, bei dem es höchstens noch für einen Spätfilm am Fernseher reicht. Die Suche nach den «Wurzeln» führt Susa nicht zu neuen Erkenntnissen über sich selbst, sondern zur Einsicht, dass das Leben nach vorn verläuft, nicht nach hinten. Dass es voller Entscheidungen ist, also auch voller Möglichkeiten; offen und gestaltbar. Aber auch kurz und in der Kürze so wertvoll. Und so steigt Susa am Ende in ein Flugzeug, «zuversichtlich und bereit zu allem, was da kommen mochte: dem Fliegen, Schweben, Gleiten, Schwirren, dem Flattern und Flirren, dem Trudeln. Dem grellweissen Verglühen, das auf uns alle wartet.»

Der Mix aus Routine und Stress

Annette Mingels, promovierte Germanistin, hat lange in Zürich gelebt und wohnt jetzt mit ihrem Mann, dem «Spiegel»-Redaktor Guido Mingels, in Hamburg. In ihrem fünften Roman gelingt es ihr, mitten ins Leben zu treffen, ohne es zu verkitschen. Susa und Henryk erleben Reichtum und Überforderung in den entscheidenden Jahren ihrer Biografie, erleben es, wie es Millionen Mittelschichtspaare erleben und doch als präzise gezeichnete Individuen. Mingels zieht die Konfliktlinien nach, die das kleine Unternehmen Familie zu zerreissen drohen, obwohl Mann und Frau alles tun, um es zusammenzuhalten. Physikalisch gesprochen, stellt sie gesellschaftliche und persönliche Zentrifugalkräfte – den entscheidenden Karrieresprung schaffen! Nicht den beruflichen Anschluss verlieren! – dem Versuch entgegen, aus Liebe so etwas wie magnetische Kräfte zu entwickeln.

Der Autorin gelingt das, weil sie einen scharfen, aber auch warmherzigen Blick auf ihre Figuren wirft, vor allem auf die Protagonistin, die meist auch als Icherzählerin auftritt. Weil sie einen Sinn für das Detail hat und die Gabe, so zu formulieren, dass man es vor sich sieht: Wenn die Hippie-Mutter vor Susa hergeht, ist das «eher ein Schreiten als ein Gehen, aber sich seiner selbst zu bewusst, um wirklich anmutig zu sein». Oder wenn die Schlittschuhe der Mädchen aneinandergelehnt dastehen, «als seien sie müde vom Warten».

Sie trifft immer den Ton: in der Introspektion wie im Dialog, in der Verdichtung von Schlüsselszenen bis hin zum Pathos wie auch in der Chronologie eines Alltags, in dem Stress und Routine eine gefährliche Mischung eingehen. Schlichte Romane behaupten gern von sich, sie böten «Geschichten, die das Leben schrieb». «Was alles war» kommt aus dem Leben, es bedarf aber einer Meisterin der Einfühlung und des Stils vor allem, die Geschichte so zu erzählen, dass sie ganz für sich steht und sich zugleich viele Leser in dem, «was alles ist», erkennen werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2017, 14:55 Uhr

Buch

Annette Mingels: Was alles war. Roman. Knaus, München 2017. 286 S., ca. 28 Fr.

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