David gegen Goliath

Seine Kritik an Verstrickungen zwischen Pharma-Industrie und Ärzteschaft äussert Philippe Daniel Ledermann in einem spannenden Roman.

In seinem neuen Roman erinnert der Autor und Zahnchirurg Philippe Daniel Ledermann an einen Medizinskandal in den 1970er-Jahren.

In seinem neuen Roman erinnert der Autor und Zahnchirurg Philippe Daniel Ledermann an einen Medizinskandal in den 1970er-Jahren. Bild: Adrian Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es beginnt harmlos. Anfang der Fünfzigerjahre nehmen drei Studenten ihr Medizinstudium an der Universität Bern auf: Arno Schoener, Viktor Piller und Marcel Junod. Sie treffen sich nach den Vorlesungen im Falken, wo sie über Gott und die Welt palavern, über Frauen und schnelle Autos, über Sartre und Simone de Beauvoir.

Obwohl sie aus unterschiedlichen Verhältnissen stammen, werden sie dicke Freunde und stehen einander bei, wenn z.B. eine bittersüsse Liebesgeschichte den Horizont verdüstert. Allerdings treiben später Karrieredenken, Geldgier und Machtgelüste einen Keil zwischen das Trio. Arno Schoener und Viktor Piller streben steil nach oben: Arno übernimmt in Bern die Leitung der Klinik für Gastroenterologie, Viktor jene des Pharmariesen Ciber-Geiler AG in Basel. Dagegen richtet sich Marcel Junod ganz ohne Glamour als tüchtiger Hausarzt ein.

Weltweit propagieren nun Arno Schoener und Viktor Piller das Medikament Haraform-Plus gegen Durchfall, obwohl das frühere Präparat Haraform gravierende Nebenwirkungen bei den Patienten hervorgerufen hat. Das verbesserte Folgeprodukt, das den brisanten Wirkstoff Clioquinol modifiziert hat, soll bei richtiger Anwendung diese Begleiterscheinungen eliminieren. Ein Siegeszug des Medikaments setzt ein, bei dem viel, sehr viel Geld zu holen ist. Der Einzige, der Skepsis anmeldet, weil er bei seinen Patienten und auch im Selbsttest negative Effekte konstatiert hat, ist Marcel Junod. Aber sein Communiqué in einem Fachblatt wird ignoriert.

Authentischer Skandal

Der prominente Implantologe, Zahnchirurg und Erfinder Philippe Daniel Ledermann, 1944 in Genf geboren und in Meiringen aufgewachsen, hat als Autor auch mit seiner vierbändigen Autobiografie «Die Papiereltern» ein breites Echo erzielt. In seinem neuen Roman (mit abgeänderten Namen!) beruft er sich auf einen authentischen Skandal, den ein Basler Pharmariese in den Siebzigerjahren mit seinem Präparat verursacht hatte. Damals brach in Japan eine wahre Epidemie aus. Die betroffenen Patienten – ca. 11000 – erblindeten, wurden gelähmt oder starben sogar. Erst 1985 nahm die Firma das Medikament vom Markt, nachdem sie die Opfer bzw. deren Angehörige mit einem Schadenersatzvergleich vertröstet hatte.

Diese Ungeheuerlichkeiten illustriert Ledermann gekonnt mit einer Geschichte, die sich rasant steigert. Für den Laien treten vor allem die Verquickungen zwischen der Pharmaindustrie, der medizinischen Forschung und den Klinik-Chefs zutage. Unpassende Befunde werden ausgeblendet, damit das Resultat so ausfällt, wie es die «Opinionleaders» wünschen. Vorträge, Geschenke und Konferenzen in illustren Hotels finanziert der Pharmariese, um sein Produkt zu lancieren. Auch Habilitanden kommen in den Genuss seines Sponsorings, sofern sie konforme Ergebnisse vorlegen. Doch der hippokratische Eid, der den Arzt verpflichtet, dem Patienten nicht zu schaden, mutiert dabei zur Leerformel.

Im Reich der Giganten nimmt der kleine Hausarzt Marcel Junod eine schwache Position ein. Er ist die Gegenfigur mit den Zügen eines biblischen David und bildet das nötige Gegengewicht zu einer geldversessenen Ärzteschaft, sodass sich die Gefahr einer Pauschalisierung durch den Autor reduziert. Ledermann greift nun zu einem erzählerischen Kniff, um den Siegeszug von Haraform-Plus zu stoppen.

Schicksalhafte Wendung

Ausgerechnet Arno Schoeners kleiner Sohn wird wegen einer Durchfall-Erkrankung mit dem «Wundermittel» behandelt und stirbt an dessen Folgen. Marcel Junod veranlasst zuvor noch die notfallmässige Einweisung ins Spital, muss aber schliesslich Arno den Tod des Knaben mitteilen.

Erst jetzt kommt dieser zur Besinnung. Eine solch schicksalhafte Wendung mutet zwar konstruiert an und erinnert an tränenreiche Storys der Trivialliteratur. Trotzdem: Das aufschlussreiche Buch ist lesenswert.

Philippe Daniel Ledermann: Ärzte auf Abwegen. Roman. Edition Leu, Glattpark 2018, 168 Seiten (Der Bund)

Erstellt: 07.11.2018, 14:33 Uhr

Artikel zum Thema

Gutes Geschäft mit der Abhängigkeit

Porträt Der Pharma-Milliardär Richard Sackler will Geld machen mit einem Gegenmittel gegen sein eigenes, süchtig machendes Medikament. Mehr...

Droht der Pharma dasselbe Schicksal wie den Banken?

Der Stellenabbau bei Novartis markiert den Beginn schwieriger Zeiten. Ein Novartis-Manager sieht schwarz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Sweet Home 10 Tricks, die Ordnung schaffen

Mamablog Wenn die Beamten kommen

Die Welt in Bildern

Besuch aus der Heimat: Die Schweizergardisten im Vatikan stehen stramm, denn Bundesrat Alain Berset ist auf Visite. (12. November 2018)
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...