Das Kraftpaket der Schweizer Literatur

Jonas Lüscher hat mit seinem Roman «Kraft» den Schweizer Buchpreis 2017 gewonnen – im Jubiläumsjahr des Preises, der eine Erfolgsgeschichte verzeichnen kann.

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Ja, wer denn sonst? Wer anders als Jonas Lüscher sollte den Schweizer Buchpreis 2017 gewinnen? Das konnte man sich vor und nach der Nominierung der fünf Finalisten fragen, und dass die Jury überhaupt lange gestritten haben soll, wie man hört, erstaunt. Denn noch nie in den zehn Jahren, in denen es diesen Preis gibt, ragte ein Titel derart heraus, war der Abstand zu den Konkurrenten (Martina Clavadetscher, Urs Faes, Lukas Holliger, Julia Weber) derart eklatant.

«Kraft» verbindet, wie die Jury zu Recht sagte, «erfrischende Bösartig- keit mit philosophischem Tiefgang». Lüscher, der einen deutschen Rhetorikprofessor in Finanznöten ins Silicon Valley schickt, um dort eine Million mit einer philosophischen Preisfrage zu gewinnen, erweist sich in «Kraft» als «polyfoner Autor» (so Laudator Manfred Papst), der die «altmodisch-auktoriale Wirform» ebenso beherrscht wie die Gelehrtensatire.

Jonas Lüschers «Kraft» ist, ein Kalauer sei ausnahmsweise erlaubt, ein Kraftpaket für die Schweizer Literatur. Im Januar erschienen, hat es Lesungstermine bis in den kommenden April. Sein Autor – mit der Meisternovelle «Frühling der Barbaren» hat er 2013 den Preis knapp verpasst – ist ein Glücksfall, der in der Schweiz nur alle Jahrzehnte vorkommt. Denn natürlich bleibt die (deutsche) Schweiz ein kleines Land, auch literarisch.

Die Nominationsliste schafft Aufmerksamkeit

Aber kein armes Land. Es hat mit Peter Stamm, Thomas Hürlimann, Lukas Bärfuss, Rolf Lappert und Alex Capus, mit Melinda Nadj Abonji, Monique Schwitter und Ruth Schweikert mehr als eine Handvoll Autoren, die auch im grossen Kanton (der für den Verkaufserfolg sowieso matchentscheidend ist) Ansehen geniessen. Hat im Unterhaltungsfach Martin Suter. Die Überväter Adolf Muschg und Peter von Matt. Hat aber auch vielversprechenden Nachwuchs wie Dorothee Elmiger oder Julia Weber. Gerade für die Letztgenannten ist die Nominationsliste des Schweizer Buchpreises eine gute Sache. Zwischen der Publikation der «letzten fünf» und der Preisverleihung stehen sie im Schaufenster: genug Zeit, um Aufmerksamkeit zu schaffen für Bücher, die sonst leicht untergehen.

Aufmerksamkeit war überhaupt der Grund, weshalb der Schweizer Buchpreis 2008 ins Leben gerufen wurde. Egon Ammann, der eigentliche Erfinder (neben vielen Mittätern, unter anderem dem Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverband, SBVV), fand die Schweizer Förderszene zu kleinteilig. Eine grosse, repräsentative Auszeichnung sollte her, mit jenem Ausleseverfahren, das sich beim Prix Goncourt, beim Booker-Preis und beim Deutschen Buchpreis bewährt hatte.

Die Richtigen getroffen

Seit 2008 wird der Schweizer Buchpreis in Basel verliehen, erst im Rahmen der Buchmesse, jetzt des Literaturfestivals als Mitveranstalter. Er hat sich aus dem Stand zur wichtigsten literarischen Auszeichnung des Landes entwickelt – das Bundesamt für Kultur, das sich nicht beteiligen wollte, sondern den Preis seit einigen Jahren mit eigenen Auszeichnungen und viel Geld konkurrenziert, kann da, was öffentliche Resonanz angeht, nicht mithalten.

Hat der Schweizer Buchpreis die Schweizer Literatur besser gemacht? Sicher nicht. Aber er macht gute Bücher bekannter. Alle Gewinner konnten eine starke Auflagensteigerung verzeichnen. Ilma Rakusa, eine Autorin für die «Happy Few», fand ihr Buch «Mehr Meer» sogar in einer Bahnhofsbuchhandlung. Übersetzungen und Lesereisen kommen dazu.

Der Preis setzt Verlage und Autoren überdies unter einen Wettbewerbsdruck, der zwar dem einzelnen Buch möglicherweise Unrecht tut (jedes ist natürlich einzigartig), aber der Buchproduktion im Ganzen nützt. Jeder Einreicher weiss, dass da eine Jury sitzt, die sorgfältig sichtet und prüft. Jede Jury kann irren; das ist auch beim Schweizer Buchpreis schon geschehen. Aber ihre Unabhängigkeit ist ein hohes Gut, und über die zehn Jahre hat es, von Rolf Lappert bis Jonas Lüscher, meist die Richtigen getroffen.

Eklats gehören dazu

Eklats und Eklätchen haben den Preis auch begleitet, das gehört offenbar zum Literaturbetrieb. 2008 zog Adolf Muschg am Vorabend (!) seine «Kinderhochzeit» zurück. Im letzten Jahr rannte Preisträger Christian Kracht panisch und danklos aus dem Saal. Diesmal war der Schreiber dieser Zeilen unfreiwillig in den Aufreger verwickelt. Während einer Festveranstaltung zum zehnjährigen Bestehen am Samstag im Basler Volkshaus wurde ich von der Moderatorin Nicola Steiner nach einem sieben Jahre alten Verriss eines Romans von Urs Faes gefragt. Ich war damals Juror des Schweizer Buchpreises, der Text erschien während der Nominationsphase.

Darf man das? Ich fand und finde: ja. Sonst müsste man Buchpreiskandidaten vor dem Preisentscheid publizistisch ignorieren. Der betroffene Autor sass im Saal und war von der Thematik (und einem zitierten Satz aus der Kritik) derart verletzt (oder beleidigt), dass er der Preisverleihung am Sonntag fernblieb. Was wiederum unter seinen Kollegen für Aufregung sorgte; drei von ihnen unterbrachen die Zeremonie und bedauerten auf der Bühne wortreich Faes’ Fehlen – ohne aber dessen Grund zu nennen. Ratlosigkeit im Saal. Was war gemeint? Da hätten die Meister des Wortes durchaus etwas konkreter werden können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2017, 17:32 Uhr

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