Das bessere Argument sticht – wieso beim Glauben nicht?

Der Philosoph Carlos Fraenkel erprobte sein atheistisches Weltbild mit gläubigen Studenten. Dabei stiess er an die Grenzen rationaler Argumentation.

Wettbewerb der religiösen Interpretationen täte not: Panorama von Jerusalem.

Wettbewerb der religiösen Interpretationen täte not: Panorama von Jerusalem. Bild: Keystone

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Wenn man sich unter Gleichgesinnten bewegt, versteht sich vieles von selbst. Wir brauchen uns mit Begründungen, wieso wir uns so und nicht anders verhalten, nicht besonders anzustrengen. Bloss: Auf diese Weise erfahren wir wenig über die Bedingungen und Voraussetzungen, die unser Denken und Handeln prägen – und damit auch über uns selbst.

Mehr über die impliziten «ungeprüften» Voraussetzungen seiner Weltsicht wollte Carlos Fraenkel in Erfahrung bringen, als er sich aufmachte, in fünf verschiedenen Ländern auf drei Kontinenten philosophische Workshops mit Studentinnen und Studenten abzuhalten. Zwischen 2006 und 2011 unterrichtete der deutsch-brasilianische Philosoph nicht nur an der palästinensischen Al-Quds-Universität in Ostjerusalem und an der islamischen Universität im indonesischen Makassar, er diskutierte auch mit chassidischen Juden in New York und mit afrobrasilianischen Schülern in Salvador da Bahia. Schliesslich traf er sich mit Angehörigen des indigenen Volkes der Mohawk in Nordamerika.

Gegen den Wertepluralismus

Zentrale Begriffe der Philosophiegeschichte wie Recht und Gerechtigkeit, Demokratie und Gewalt, Moral und Aufklärung standen im Zentrum der Gespräche. Ausser der griechischen Antike mit Platon und Aristoteles im Mittelpunkt wurden sowohl muslimische wie jüdische Denker des Mittelalters – wie Avicenna, al-Farabi oder Maimonides – behandelt. Zeitgenössische Autoren wie Edward Said oder Charles Taylor kamen nur am Rande vor.

Auch wenn man, so Carlos Fraenkel, reale Unterschiede und Differenzen ernst nehmen müsse (um den anderen überhaupt verstehen zu können), heisse das nicht, einem Wertepluralismus oder Kulturrelativismus das Wort zu reden. In der Suche nach Wahrheit, der sich ja nicht nur die Philosophie verschrieben hat, äussert sich der Wunsch nach normativen Werten, die über Ort und Zeit hinaus gültig sind. Wer diesen Anspruch angesichts der Vielfalt der Realität und des in gewissen Kreisen beliebten Multikulti aufgebe, mache es sich zu einfach. Vielmehr müsse man, so Fraenkel in sokratischer Manier, im Dialog den gemeinsamen Nenner, die platonische Idee sozusagen, suchen und dabei «die Wahrheit mehr lieben als die Aussicht, aus der Debatte als Sieger hervorzugehen».

Solange sich der Moderator in dem abgesteckten Feld der Argumentation und Logik bewegte, schien das aufklärerische Unterfangen zu gelingen: Die Studenten waren offen für Zweifel und Kritik, auch dann, wenn die historischen und gesellschaftlichen Umstände sich stark unterschieden. Ernsthafte, ja fast unlösbare Probleme ergaben sich erst, als es um den Glauben ging, und zwar auch jenen ohne fundamentalistischen Furor. Die säkulare Sicht auf die Welt, die wir im Westen für selbstverständlich halten, auch als Motor und Garant für zivilisatorischen Fortschritt, stösst dann an ihre Grenzen.

Da es in den Debatten, die im Buch verständlich, aber anspruchsvoll zusammengefasst sind, immer wieder um Glaube und Religion ging, sah sich der Atheist Carlos Fraenkel gezwungen, seinen Unglauben gegenüber Gläubigen zu begründen – ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt war: Seine Zuhörer zogen sich regelmässig auf die Position zurück, dass sich ihre Wahrheit, die religiöse nämlich, bloss im Glauben offenbare. Mit Argumenten, die der Rationalität verpflichtet sind, konnte der Philosoph diese Kluft nicht überbrücken.

Kreative Verwirrung

Während der an der McGill University in Montreal lehrende Carlos Fraenkel auf die Welt- und Gottesbilder der anderen einzugehen versucht, stellt er bei der Mehrzahl seiner muslimischen Schüler etwa einen Fundamentalismus des Denkens fest: «Die Vorstellung, dass es wichtig ist, religiöse Glaubenssätze auf sokratische Weise zu hinterfragen, können die meisten Studenten zwar akzeptieren, aber ihr Verständnis von der Wahrheit des Islam lässt keinen Raum für Verwirrung zu.» Letztere wäre jedoch notwendig, um die eigenen Positionen kritisch zu befragen – wobei auch Carlos Fraenkel bei aller Bereitschaft, den Irrtum für möglich zu halten, nicht willens oder bereit war, seinen Standpunkt aufzugeben.

«Vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt» lautet der Untertitel des Buches. Fragt man nun nach dem konkreten Nutzen der akademischen Disziplin, dann lässt sich dieser in der Einund Durchführung einer «Debattenkultur» ausmachen. Der religionshistorisch bewanderte Philosoph mit Jahrgang 1971 kann, wenn nicht seinen Studenten, so doch seinen Lesern plausibel machen, dass Glauben und Wissen, die vermeintlich so weit auseinander liegenden Welten, mehr miteinander verbindet, als gemeinhin behauptet wird.

So wie in der Philosophie (und der Politik) gibt es auch bei den Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach Gott eine Pluralität von Meinungen und Deutungen innerhalb ein und derselben Religion – auch wenn sich heute verschiedene Repräsentanten grosser Religionen gegen einen solchen Wettbewerb der Interpretationen wehren und Abschottung anstatt Offenheit predigen. In diesem Punkt zumindest war das Mittelalter alles andere als dunkel: Muslime, Juden und Christen diskutierten miteinander über den Umgang mit dem Erbe der antiken Philosophie. So gesehen ist «Mit Platon in Palästina» ein sehr aktuelles Buch, das in dialogischer Form belegt, dass der Rückzug auf Unhinterfragbares keine Basis darstellen kann für eine Gemeinschaft, deren Codes kommunikativ verhandelt werden.

Carlos Fraenkel: «Mit Platon in Palästina. Vom Nutzen der Philosophie in einer zerrissenen Welt». Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Carl-Hanser-Verlag, München 2016. 240 S., ca. 32 Fr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.05.2016, 20:01 Uhr

Infobox

Am 5. Juni wird Carlos Fraenkel bei der «Sternstunde Philosophie» des Schweizer Fernsehens zu Gast sein.

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